Gruppenfoto im Konzentrationslager - Der Projektkurs „Gegen das Vergessen“ am Gymnasium Voerde besuchte die Holocaust-Überlebende Eva Weyl im Durchgangslager Westerbork PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 29. September 2016 um 15:18 Uhr

Der Projektkurs "Gegen das Vergessen" zu Besuch in WesterborkDer Projektkurs "Gegen das Vergessen" zu Besuch in WesterborkDarf man als Tourist im Konzentrationslager fröhliche Gruppenfotos machen? Die Frage mussten sich am Dienstag 22 Schülerinnen des Gymnasiums Voerde stellen. Gemeinsam mit ihren Lehrern besuchten sie das ehemalige Durchgangslager Westerbork und trafen dort die Holocaust-Überlebende Eva Weyl.

Bei strahlend schönem Wetter trafen die Schülerinnen und Schüler im „Herinneringscentrum Kamp Westerbork“ ein. Das spätere „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ wurde bereits kurz vor dem zweiten Weltkrieg von der niederländischen Regierung als Flüchtlingslager errichtet. Juden, die aus Deutschland geflohen waren, sollten hier zentral aufgefangen werden. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 wurde das Lager im Rahmen der Besatzungspolitik weiter genutzt. Ab 1942 stand es unter direkter deutscher Verwaltung und diente als Zwischenlager für die holländischen Juden, die von hier aus in die Konzentrationslager deportiert wurden, vornehmlich nach Auschwitz-Birkenau und Sobibor. Insgesamt wurden von 1942 bis 1944 107.000 Juden aus Westerbork deportiert. Nur etwa 5.000 von ihnen überlebten den Holocaust.

Einer der ehemalige Häftlinge im Durchgangslager Westerbork war Eva Weyl. Ihre Geschichte beginnt am Niederrhein. Genauer in Kleve. Dort besaßen ihre Eltern eins ein Textilkaufhaus. In dem Gebäude befindet sich heute ein „Kaufhof“. Bereits 1934 flüchteten die Eltern nach Arnheim, wo Eva Weyl ein Jahr später geboren wurde. Im Januar 1943, nach dem Einmarsch der Deutschen, hatte sich die Familie im Durchgangslager einzufinden. Da war Eva sieben Jahre alt.

Ihre Geschichte erzählt Eva Weyl den Schülerinnen und Schülern am Ort des Geschehens. Leider hat man das Lager 1970 komplett abgerissen. Erst 1983 eröffnete man dort das Erinnerungszentrum und rekonstruierte einige Baracken. Die Führung auf dem Gelände übernimmt der Historiker Harry de Munck. Er kennt die Fakten und die historischen Zusammenhänge. Eva Weyl ergänzt ihn um ihre persönlichen Erinnerungen. Eine einmalige Gelegenheit für die Schülerinnen und Schüler. So authentisch und hautnah erlebt man Geschichtsunterricht selten.

Irgendwann kommt die Gruppe an das von Ronnie Golz entworfene Denkmal im Lager. „Wir sollten ein Gruppenfoto machen“, ruft einer. Also stellt man sich auf – und lächelt in die Kamera. Darf man in einem ehemaligen Lager lachen, wenn von dort aus tausende Menschen in den Tod geschickt wurden? Am Ende blendet die Sonne so stark, dass ein entspannter Gesichtsausdruck ohnehin kaum gelingen will. Wer kann, grinst nicht allzu breit. Frau Weyl jedenfalls lächelt auch.

Natürlich ist dies ein trauriger Ort“, sagt sie später. „Aber auch ein Ort der Hoffnung. Der Hoffnung darauf, dass so etwas nie mehr geschehe.“ Und: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was damals passiert ist. Aber ihr tragt die Verantwortung dafür, dass es nie wieder passiert.“ Seit 2008 spricht die 81-jährige regelmäßig vor Schülergruppen. Seit 2013 auch am Gymnasium Voerde. Sie sei ein Glückspilz, sagt sie dann immer. Drei Mal ist sie der Deportation nach Auschwitz durch Zufälle entkommen. Einmal strich ein Freund den Namen der Familie von der Liste, mal geriet das Lager unter Beschuss und der Zug Richtung Osten fuhr nicht.

Der Besuch in Westerbork ist nicht leicht“, gibt Eva Weyl den Schülerinnen und Schülern am Ende mit auf den Weg, „aber er ist leicht gegen das, was ihr in Auschwitz sehen werdet.“ Im November fährt die Schülergruppe des Projektkurses in das ehemalige Vernichtungslager in Polen. Vorher, am 9.11., laden sie die Öffentlichkeit noch zu einer von ihnen moderierten Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in den Großraum der Schule ein. Anne Prior hält dort einen Vortrag über jüdische Waisenkinder in Dinslaken in der NS-Zeit. Außerdem werden Fotos aus Auschwitz ausgestellt.

 
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