Das war: Das GV-Forum mit Lamya Kaddor PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 21. Januar 2017 um 17:23 Uhr

Lamya Kaddor liest am Gymnasium Voerde aus aktuellem Buch.Lamya Kaddor - Bild von Markus GehlingLamya Kaddor - Bild von Markus Gehling

Danach  diskutierte  die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin außerdem  mit Schülern und Zuhörern. Auch die Polizei war bei Lesung dabei.

Text von Anna Katharina Wrobel. Erschienen in der NRZ vom 19.1.2017.

Die Dame fortgeschrittenen Alters guckt irritiert. „Bin ich hier richtig für die Lesung von Lamya Kaddor?“ Im bestuhlten und nur schwach beleuchteten Großraum des Gymnasiums Voerde stehen ihr zwei Polizisten gegenüber. Auch wenn sie sich im Hintergrund halten, sind sie doch präsent.

„Das ist irgendwie komisch“, sagt eine andere Frau über die Anwesenheit der Beamten, als sie sich auf einen der freien Plätze in den vorderen Reihen setzt. Ursprünglich habe sie hinten gesessen, sagt sie. Dort könne sie die Autorin beim Lesen nicht sehen. Das aber wollen alle Anwesenden: Lamya Kaddor ist längst keine Unbekannte mehr.

Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin prägte mit ihren Büchern „Zum Töten bereit – Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“ und „Die Zerreißprobe – Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“ die Debatten zum Islam in Deutschland. Die Verfechterin eines liberalen, modernen Islams machte sich damit nicht nur Freunde. Gerade nach Veröffentlichung der „Zerreißprobe“ hatten Drohungen gegen die Duisburgerin zugenommen. Deshalb sind auch die Polizisten da.

Aus „Die Zerreißprobe“ liest sie heute vor. Im Buch geht es um die Integration von Flüchtlingen in Deutschland. Kaddor thematisiert darin unter anderem, dass auch die Mehrheit einen Beitrag leisten müsse, um Einwanderer zu integrieren. Die Veranstaltung ist allerdings mehr als nur eine Lesung: Die Oberstufenschüler, darunter Annea Böhnke und Maja Hoffmann, die moderieren, wollen Fragen stellen. Und zum Beispiel wissen, ob die Lehrerin irgendwann gerne wieder an die Friedrich-Althoff-Sekundarschule in Dinslaken zurückkehren und unterrichten wolle.

Kaddor hatte sich im September vergangenen Jahres vom Schuldienst beurlauben lassen – wegen der Anfeindungen. „Im Moment geht Schule nicht mehr“, sagt sie. Zu unsicher. Für sie selbst. Für die Schüler. Theoretisch könne ja immer jemand in das Gebäude kommen . . . Eine solche Lesung sei noch möglich, in einem gewissen Rahmen, sagt Kaddor. Sie blickt in Richtung der Polizisten.

Das vorgelesene Kapitel trägt den Titel „Was ist Deutsch?“. Bier, Sauerkraut und Volksmusik? Nein, sagt Kaddor. „Diese Begriffe stehen eben nicht mehr exklusiv für das Deutsche im 21. Jahrhundert.“ Deutschsein sei nicht mehr an solchen Dingen festzumachen, nicht mehr an die Reinheit im Blut gebunden. Dennoch herrsche diese Vorstellung noch in vielen Köpfen. Generell passe das klassische Verständnis von Nationalität nicht mehr, es sei „unausweichliche Realität“, dass die Gesellschaft weiter bunter werde. „Deutschsein ist heute ein Mosaik.“

Am Ende bleiben die Zuhörer auch noch, als die Lesung längst beendet ist. Vorrangig nicht, um sich ein Buch signieren zu lassen. Eher zum Austausch. Zur Diskussion.

 
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