Die Schülerinnen und Schüler der Erdkunde Grundkurse der Jahrgangsstufe 10 von Herrn Fages und Herrn Schulz zusammen mit den Begleitern Herrn Buß und Frau Schumann (links) und Frau Schäfer und Herrn Fages (rechts).

Am 1. Juli 2019 unternahmen die Erdkunde-Kurse der Jahrgangsstufe 10 von Herrn Fages und Herrn Schulz eine Exkursion zum Tagebau Garzweiler.

Mandy Loz hat hierzu einen sehr ausführlichen Erfahrungsbericht verfasst, der die „Flutwelle neuer Eindrücke“, die die Schülerinnen und Schüler erfasst hat, sehr anschaulich wiedergibt:

Als Abschluss zu unserer Themenreihe über fossile und regenerative Energien haben wir eine Tagebaugrube im Gebiet Garzweiler II besucht um das, was wir im Unterricht theoretisch besprochen haben auch in der Praxis sehen zu können.
Schon auf unserem Weg zum eigentlichen Ziel konnten wir Kraftwerke und andere Möglichkeiten sehen, durch welche elektrische Energie gewonnen werden kann. So kreuzten nicht nur Maschinen zum Gewinn regenerativer Energie, wie zum Beispiel Windräder oder Photovoltaikanlagen auf den vorbeiziehenden Dächern unseren Weg, sondern auch Kohlekraftwerke, bei welchen aus dem fossilen Brennstoff Kohle Energie gewonnen wird.
Unsere erste Station war die gigantische Grube in Jackerath. Dort haben wir an der Spitze des ,,Skywalks“ die Möglichkeit bekommen, uns einen Eindruck über die immensen Ausmaße des Kohleabbaus in solch einer Grube zu verschaffen. Auch die Schaufelradbagger, welche so hoch sind wie ein siebenstöckiges Haus, wirkten durch die Entfernung wie kleine Spielzeugmodelle. Viele von uns beurteilten die riesige Grube als überdimensional. Sie war schon so groß, dass sie schon wieder klein wirkte. Es war vorher nicht vorstellbar wie groß die Kohlegruben wirklich sind und einige waren schockiert in welchem Ausmaß die Landschaft dadurch zerstört wurde.
Dort, wo vor einigen Jahren noch ein ganzes Dorf angesiedelt war, schmückte ein weniger hübsches, riesengroßes Loch die Landschaft.
Auch Immerath war ein einst besiedeltes Dorf mit etwa 1.200 Einwohnern, welche seit vielen Generationen dort lebten. Doch wirklich viel war von einem lebendigen Dorf nicht mehr übrig, lediglich einzelne Häuser aus dessen zerstörten Fenstern Gardinen wehten, konnte man noch sehen. Es war für uns unvorstellbar, dass vor zwei Jahren noch ein ganzes Dorf dort stand, wo heute nur noch Gras und Büsche wachsen. Wie uns unser Erdkundelehrer Herr Fages berichtete, war es vor zwei Jahren, als er schon einmal dort war noch möglich, durch ganze Häuserreihen und Gassen zu gehen. Auch Gebäude wie Bäckereien oder Metzgereien bestanden damals noch, standen jedoch wohl schon bei seinem letzten Besuch leer und waren verlassen. Und auch eine große Kirche, der Immerather Dom, schmückte einst das Dorf.
Bei unserem Besuch fanden wir nicht viel mehr vor als Grünflächen, welche die übrigen schmalen Straßen überwucherten und einige wenige Häuser, dessen Anzahl man allerdings an einer Hand abzählen konnte. Die Einfahrt zu ,,Rest-Immerath“ wurde von einer Security überwacht, welche uns auch ein Aussteigen aus dem Bus untersagte; verständlich, wenn man die Proteste betrachtet, welche noch zwei Wochen früher stattgefunden haben und leider teilweise eskalierten.
Für wenige war es vorstellbar, dass auf der überwucherten Grünfläche mal ein ganzes Dorf stand und sich Menschen dort wohlgefühlt haben, was bei unserem Besuch allerdings niemand empfand: mehr fühlten wir uns von der ausgestrahlten Trostlosigkeit und Leere des übrigen Dorfes überwältigt. Immerath war für viele wie ein Geisterdorf.
Wenn man also den Rest von Immerath betrachtet, fragt man sich, wo diese ganzen Menschen hingezogen sind. Viele wurden in die Neubausiedlung Immerath (neu) umgesiedelt. Doch nicht nur aus Immerath Geflüchtete und Vertriebene wohnen dort, auch Einwohner aus Pesch und Lützerath mussten ihr Zuhause für den Tagebau verlassen. Doch einige sind auch gemeinsam mit ihrer Familie ganz aus der Region weggezogen und verzichteten auf eine Bleibe in Immerath (neu).
Man sieht dem Dorf sofort an, dass es noch sehr jung ist. Ein einheitlicher Häuserstil, kaum abgenutzte Straßen und unfertige Vorgärten und Einfahrten zeichnen das junge Alter des Dorfes aus. Zudem wirkte es auf einige von uns wie eine Film-Kulisse. Passend dazu wirkte das stattfindende Schützenfest ähnlich inszeniert und surreal.
Wie eben bereits erwähnt war in Immerath ein Dom aufzufinden, doch auch dieser musste dem Kohleabbau weichen. Doch bevor der Schutt der Kirche abtransportiert wurde, konnten sich die Immerather etwas von der Kirche mitnehmen, wie zum Beispiel einen Stein aus dem Gemäuer der Kirche. Auf einen Nachbau des Domes in Immerath (neu) verzichtete die katholische Kirche jedoch, vermutlich wohl aus Kostengründen und weil ein mittelalterlicher Dom in einem Neubaugebiet deplatziert wirken würde. Dafür ziert ein etwa dreißig Zentimeter hohes Modell des Domes den Dorfplatz, direkt gegenüber der neuen modernen Kirche in Immerath (neu).
Doch trotzdem verloren viele Menschen aus Immerath mit ihrer Umsiedlung auch ihr Zuhause und ein Ort vieler wertvoller Erinnerungen wurde mit dem Abriss ihres Dorfes zerstört.
Ein älterer Herr erzählte uns, wie er das Vertreiben aus dem eigenen Dorf empfand. Es hatte sich irgendwann herumgesprochen, dass Immerath nun auch „dran“ wäre, nach so vielen Dörfern, welche zuvor auch schon für den Tagebau abgerissen wurden. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Immerather die Angebote des Energieversorgungsunternehmens RWE annahmen. Denn Kohlekonzerne wie RWE bieten den Bewohnern eines Dorfes oftmals einen deutlich höheren Wert für ihr Hauses an, damit die Bewohner dieses räumen und umziehen.
Natürlich werden die Angebote mit jedem weiteren Haushalt, welcher wegzieht, immer geringer, bis nur noch ein letzter Widerstand das Dorf lebendig hält.
Doch der Herr trauert seinem Dorf nicht nach: „Entweder man setzt sich in die Ecke und heult oder man macht das beste aus der Entschädigung von RWE und lebt sein Leben weiter. Aber natürlich kann kein Geld der Welt die Erinnerungen an die Häuser und das Leben in Immerath ersetzten.“ So eine Aussage haben wir nicht von ihm erwartet, da er selbst über sechzig Jahre in Immerath wohnte und dort aufgewachsen war. Dabei fällt es den Älteren oft schwerer ihr Dorf zu verlassen, als den jüngeren Menschen. Der Herr bestätigte uns aber, dass er immer noch dasselbe Gefühl der Gemeinschaft und des Zusammenhalts in Immerath (neu) spüren würde, wie in Immerath wenn er aufgrund von Schützen- oder Dorffesten das neue Dorf mal besuchte. Die dort lebenden Menschen machen Immerath (neu) für ihn lebendig und wenn er die Häuserfassaden ignorieren würde, käme es ihm fast so vor wie in Immerath vor einigen Jahren.
Er selbst entschied sich nicht nach Immerath (neu) zu ziehen, sondern suchte sich lieber ein bereits bestehendes Haus nahe der Arbeitsstelle seiner Tochter, sodass sie dort nun ein normales Familienleben führen können, ohne weiterhin der Angst einer Umsiedlung ins Auge blicken zu müssen.
Weitere Dörfer, welche wir an diesem Tag besuchten waren Keyenberg und Holzweiler. Ersteres ist vom Tagebau bedroht und soll umgesiedelt werden, genau so wie Immerath.
Eine Kleingruppe von uns hatte zudem im Dorf Holzweiler, was vom Abriss verschont bleibt, mit einem Anwohner gesprochen, welcher auf einen nahestehenden, vertrockneten Baum zeigte und meinte, dass der Kohleabbau ihnen zwar nicht direkt ihr Zuhause wegnehmen, sondern stattdessen ihr Grundwasser. Für die Bewohner war es erschreckend mit ansehen zu müssen, wie nach und nach ihr eigenes Dorf solche Auswirkungen und Verluste erleidet.
Aber auch in Keyenberg, wo zwei Wochen vor unserem Besuch noch lauthals gegen den Tagebau protestiert wurde, überkam viele ein mulmiges Gefühl. Überall hatten die Proteste ihre Spuren in Form von Stickern mit Protestsprüchen gegen die Energiegewinnung aus Kohle hinterlassen. Auch RWE wurde auf vielen der Sticker stark angegriffen. Mit einem „Stop-RWE“ Verkehrsschild wurde allen Autofahrern die Meinung in Keyenberg zur Kohle klargemacht. Aber auch Sprüche wie „IrRWEg Braunkohle“ konnte man mehr als nur einmal in dem kleinen Dorf an Laternenpfosten, Autos oder Schildern sehen. Sogar ein schwedischer Protestspruch der Initiatorin der Fridays For Future-Bewegung Greta Thunberg hing an einer Haustüre: „skolstrejk för klimatet“ (dt.: „Schulstreik für das Klima“).
Im Allgemeinen waren die Auswirkungen der Angebote von RWE und die Reaktionen darauf in Form von Protesten deutlich bei den Menschen zu spüren.
Unsere letzte Station an diesem Tag war ein renaturiertes Gebiet direkt neben dem kleinen mittelalterlichen Dorf Alt-Kaster. Dort, wo heute ein vielfältiger Wald die Landschaft grün färbt, wurde vor wenigen Jahrenzehnten noch direkt vor den Haustüren der Einwohner Tagebau betrieben.
Da es auf die meisten wie ein natürlicher Wald wirkte, erkannten viele die künstlich angelegten Kieswege, kaum bemoosten Brücken und gleichmäßigen Abstände zwischen den Bäumen erst nachdem unser Erdkundelehrer Herr Fages uns darauf aufmerksam gemacht hatte.
Die Masse der abgebauten Kohle wurde durch einige Seen und kleinere Bäche wieder aufgefüllt, welche den bloßen Wald an einigen Stellen aufbrachen. Gemeinsam erklimmten wir den Werwolf-Anstieg, welcher einen Weg zu der oben gelegenen landwirtschaftlich genutzten Fläche bot.
Wenn man sich die Initiatoren dieser riesigen Umsiedlungs-, Bau- und Renaturierungsprojekte genauer ansieht, begegnet man oft dem Namen RWE.
RWE ist das zweitgrößte Energieversorgungsunternehmen Deutschlands. Dessen Energiemix besteht zu über fünfzig Prozent aus Stein- und Braunkohle. RWE selbst betitelt sich allerdings als ,,Partner der erneuerbaren Energien“, wobei sich da natürlich die Frage aufwirft: In welcher Weise ist die Energiegewinnung aus einem Strommix, welcher zu über fünfzig Prozent schon alleine aus Kohle besteht, ein „Partner erneuerbaren Energien“? Wenn man zusätzlich noch die Gewinnung von Energie aus regenerativen Energien betrachtet, welche gerade einmal bei 5,6% liegt, wird deutlich, dass RWE scheinbar mehr den Kohleabbau fördert, als „ein[en] echten Beitrag zu Klimaschutz und Energiewende“ leistet, wie sie selbst auf Infotafeln am Aussichtspunkt in Jackerath schreiben.
Auch die Stellung von RWE zu den zahlreichen Umsiedlungen ist unserer Meinung nach fragwürdig. Geworben wird mit einer „Gemeinsamen Umsiedlung“ bei welcher es „um den Erhalt von sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen – und die Gemeinschaft der Betroffenen“ geht. Wir können uns das nicht wirklich vorstellen, wie RWE die Menschen zwar aus ihrer Heimat herausreißt, aber dennoch soziale und wirtschaftliche Beziehungen pflegen will. Für uns wirkt es, als wollte RWE das Dorf, wie einen Textabschnitt, ausschneiden und an anderer Stelle wieder einfügen.
Als wir durch Keyenberg liefen, hatte eine Kleingruppe von das Glück, einige Unterlagen der RWE Power AG zu finden, welche wohl ursprünglich an Anwohner gesendet wurden. Unter anderem findet man zahlreiche Beratungsangebote zur Umsiedlung in andere, nicht vom Kohleabbau bedrohte Gebiete, sowie Bauberatung und neutrale Beratungsangebote. Zudem konnten wir anhand eines ebenfalls gefundenen Zettels die drei Phasen der Umsiedlung genauer erörtern.
Infolge dessen wurde uns erst bewusst, wie viel Aufwand, Zeit und vor allem Geld RWE in die Umsiedlung ganzer Dörfer investiert, da hunderte oder sogar tausende von Haushalten „vertrieben“ werden und neue Unterkünfte finden müssen, da nicht jeder die Angebote von denen gerne annimmt, der sie erst in die Position gedrängt haben, sich eine neue Unterkunft suchen zu müssen.
Insgesamt fanden viele, dass man über den Tag verteilt, immer wieder von Flutwellen neuer Eindrücke überrollt wurde und vieles nur schwer zu verstehen und realisieren war. Alles wirkte viel bedrohlicher und bedrohter, als in den Erdkundebüchern. Uns allen war nie wirklich bewusst, welche Ausmaße der Kohleabbau wirklich hat und wie viele Menschen durch ihn bedroht werden. Diese Exkursion gab vielen von uns die Möglichkeit, eine neue Perspektive auf das Thema zu entwickeln und allen wurde ein Stück weit mehr die Augen geöffnet.
Fast allen war am Morgen noch die gewaltige Bedrohung Kohle nicht bewusst, wie viele Dörfer bedroht sind, wie viele Erinnerungen zusammen mit dem Dorf eingerissen werden und wie schwierig ein Neuanfang in einem neuen Ort, nicht relevant ob extra für vertriebene Umsiedler gebaut oder nicht, sein kann.

Mandy Loz

Eindrücke von der Exkursion nach Garzweiler II