Schülerin Sarah Lindemann, Rafael Nikodemus, Schülerin Mandy Loz, Lamya Kaddor, Schülerin Fiona Kalberg, Michael Rubinstein und Pastoralreferent Markus Gehling (v.l.) auf dem Podium zum Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen in der Aula des Gymnasiums Voerde. (Foto: GV)

Die Schüler des Gymnasiums stellten den Gästen Lamya Kaddor, Michael Rubinstein und Rafael Nikodemus zum Islam, Judentum und Christentum ihre Fragen

Text von Florian Langhoff, NRZ vom 23.11.2019

Es sollte nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen sein auf dem Podium, auf dem die Vertreter der drei abrahamitischen Religionen miteinander und mit den Schülern des Gymnasiums Voerde ins Gespräch kommen sollten. „Wir wollen alles ansprechen – das Positive und das Negative“, sagte Pastoralreferent Markus Gehling, der die Veranstaltung mit dem Projekt GV-Forum des Gymnasiums gemeinsam organisiert hatte. Bevor die Schüler allerdings ihre Fragen an die drei Gäste stellen durften, hatten diese Gelegenheit, sich in einem Eingangsstatement zu der Frage zu positionieren, was ihre jeweilige Religion für die Gesellschaft tun kann.

Von einem „Zerbröseln der christlich-humanitären Einstellung“ sprach Rafael Nikodemus, Kirchenrat der evangelischen Landeskirche im Rheinland und als Vertreter des Christentums aufs Podium geladen. „Das ist etwas, das uns gemeinsam herausfordert und wir müssen gemeinsam sehen, wie wir dem begegnen“, erklärte er. Dabei sei es die Aufgabe der christlichen Volkskirchen, die ganze Breite der Gesellschaft abzubilden, aber dabei immer die Wertschätzung für andere Menschen einzufordern. Aus muslimischer Perspektive erzählte Lamya Kaddor. Für sie besteht ein Problem darin, dass die Muslime in Deutschland keinen zentralen Ansprechpartner haben. „Es gibt nicht einmal untereinander eine einheitliche Stimme. Die Dachverbände sind eher zerstritten als einig“, erklärte die Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Publizistin. Zudem sei der Diskurs über den Islam in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem von Extremisten und Fundamentalisten bestimmt. „Die breite Masse der Muslime hat damit nichts zu tun und findet sich etwas diskriminiert“, sagt sie. Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbands der jüdischen Gemeinden von Nordrhein, warf die Frage auf, ob Religionen tatsächlich ein Problem seien oder nicht viel eher das Vergessen der durch sie propagierten Werte. „Wir haben heute mehr Leere als Lehre und das tut unserer Gesellschaft nicht gut“, erklärte er.

In der Fragerunde griffen die Schülerinnen des Gymnasiums Voerde (Sarah Lindemann, Mandy Loz und Fiona Kalberg) durchaus einige kritische Punkte auf. Zum Beispiel eine gewisse Fixiertheit auf die Religion bei jungen Muslimen. „Die so genannten muslimischen Jugendlichen haben oft keine Ahnung von ihrem Glauben“, sagte Lamya Kaddor. Der sei für viele eher ein starker Identifikationspunkt, da eine andere Identifikation fehle. „Hier sind sie keine Deutschen und in den Herkunftsländern ihre Eltern gelten sie nur als die Deutschen“, erklärte sie.

Die Religion könne man eben niemanden als Identitätsmerkmal absprechen. Sie räumte auch mit der Idee auf, der Islam vertrete immer altbackene Moralvorstellungen. „Vor 1400 Jahren war es schon ungewöhnlich, dass Frauen Rechte hatten“, erklärte sie mit Bezug auf das Recht auf Bildung, Arbeit und eigenes Eigentum als im Koran festgeschriebene Rechte. „Die Theologie hat es nicht geschafft, diese Gedanken in die heutige Zeit zu übertragen.“

Die „Männerzentrierung“ der Religionen warf Sarah Lindemann in ihrer Frage an Rafael Nikodemus auf. „Ich bin da ganz Protestant“, antwortete der. „Es ist wichtig, die Gleichberechtigung zu fördern und das ist eine bleibende Aufgabe.“ Hier mischten sich allerdings auch Lamya Kaddor und Michael Rubinstein ein. Kaddor erklärte, dass man das tragen eines Kopftuchs nicht mit Unterdrückung gleichsetzen könne und Michael Rubinstein erklärte, das Judentum sei eine eher matriarchalisch. „Die Frauen gehören beim Judentum automatisch dazu. Die Männer müssen erst aufgenommen werden“, erklärte er. Viele religiöse Regeln, da waren sich alle drei Gesprächspartner einig, müssen man vor allem im Kontext ihrer Zeit sehen. Eine moderne Einstellung zur Religion, die vermutlich nicht alle Gläubigen teilen.

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