Wider das Vergessen
Kursfahrt des Projektkurses „…dass Auschwitz sich nicht wiederhole“
Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages unternahm unser Projektkurs vom
25. bis 30. Januar eine Studienfahrt nach Oświęcim und Krakau. Ziel der Fahrt war es, die
Geschichte des Nationalsozialismus nicht nur theoretisch zu behandeln, sondern an den
historischen Orten selbst zu begreifen.
Ankunft in Oświęcim
Unsere Reise begann frühmorgens am Flughafen in Dortmund. Nach einem problemlosen
Flug erreichten wir Polen und fuhren weiter nach Oświęcim. In der Jugendbegegnungsstätte
wurden wir herzlich empfangen. Die freundliche Atmosphäre, das gemeinsame Essen und
die guten Unterkünfte sorgten trotz der Schwere des Themas für ein starkes
Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe.
Noch am selben Tag erhielten wir eine Stadtführung durch Oświęcim. Dabei wurde deutlich,
dass der Ort eine lange Geschichte besitzt, die weit über das Konzentrationslager
hinausgeht. Wir besuchten eine der alten jüdischen Synagogen und setzten uns mit der
Geschichte der jüdischen Gemeinde auseinander, die während der nationalsozialistischen
Besatzung nahezu vollständig ausgelöscht wurde.
Im Jüdischen Museum von Oświęcim lernten wir nicht nur Grundzüge des Judentums
kennen, sondern beschäftigten uns auch mit konkreten Schicksalen ehemaliger
Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Persönliche Geschichten machten deutlich, dass
hinter jeder Zahl ein individuelles Leben stand.
Am Abend sahen wir in einem Museum Fotografien, die von Mitgliedern des sogenannten
Sonderkommandos heimlich aufgenommen und aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Diese seltenen Aufnahmen dokumentieren die Verbrechen aus der Perspektive von
Häftlingen und gehören zu den wenigen bildlichen Belegen des Vernichtungsprozesses. Die
Konfrontation mit diesen Bildern war besonders eindrücklich und emotional belastend, sagt
Jana.
Auschwitz I
Am zweiten Tag besuchten wir das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz I. Nach
strengen Sicherheitskontrollen sahen wir zunächst einen Einführungsfilm, der die
Entstehung und Entwicklung des Lagers erklärte.
Der Gang durch das Tor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ war ein Moment, der vielen von
uns lange im Gedächtnis bleiben wird. Hinter diesem Tor erfuhren wir über ein
durchorganisiertes System der Unterdrückung und Vernichtung.
Die Backsteingebäude von Auschwitz I wirken zunächst fast unscheinbar sagt Luis. Doch in
den Ausstellungen und Blocks wurde uns die Brutalität des Lagers deutlich vor Augen
geführt. Unser Guide erklärte, dass zunächst vor allem polnische Intellektuelle und
sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert wurden, bevor Auschwitz zunehmend zum zentralen
Ort der systematischen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden wurde.
Besonders bewegend war das große Buch mit den Namen der Opfer. Robin beschrieb es
als erschreckend, weil es das unfassbare Ausmaß greifbar machte.
Zum Abschluss besichtigten wir die erste in Betrieb genommene Gaskammer sowie das
angrenzende Krematorium. Die unmittelbare Nähe dieser Orte verdeutlichte die industrielle
Organisation des Mordens.
Am Abend sahen wir uns einen Film über Rudolf Höß und seine Familie an. Der mehrfach
ausgezeichnete Film The Zone of Interest zeigt das scheinbar „normale“ Familienleben
direkt neben dem Vernichtungslager. Diese Täterperspektive war besonders erschreckend,
da sie die Gleichzeitigkeit von Alltäglichkeit und Massenmord zeigte.
Auschwitz-Birkenau
Am dritten Tag fuhren wir nach Auschwitz II-Birkenau. Bereits der Weg über die Bahngleise
hin zum bekannten Tor und Rampe mit Bahnsteig, an dem die Jüdinnen und Juden direkt
selektiert worden waren, war bedrückend.
An diesem Ort wurde in “Massenproduktion” über Leben und Tod entschieden. Besonders
während der großen Deportationen aus Ungarn wurden viele Opfer direkt nach der Ankunft
ermordet, manche verbrachten nicht einmal eine Nacht im Lager.
In den erhaltenen Baracken wurden die unmenschlichen Lebensbedingungen deutlich.
Hunderte Menschen waren in dreistöckigen Pritschen auf engstem Raum untergebracht,
unter katastrophalen hygienischen Bedingungen.
Wir besichtigten außerdem die Ruinen der Gaskammern und erfuhren von den Aufständen
der Häftlinge, die im Sonderkommando arbeiten mussten.
Im sogenannten „Kanada“-Bereich wurde das Eigentum der Ermordeten sortiert. Bereits am
Vortag hatten wir in Auschwitz I Berge von Schuhen, Brillen, Haaren und Kleidung gesehen.
Am dritten Abend besuchten wir außerdem eine Ausstellung des ehemaligen
Auschwitz-Häftlings und Künstlers Marian Kołodziejin.
Viele Jahre nach seiner Befreiung begann Kołodziej, seine Erinnerungen an das Lager in
Zeichnungen zu verarbeiten. Die Bilder zeigen Szenen aus dem Lagerleben und machen die
Gewalt und das Leid der Häftlinge auf eine sehr eindringliche Weise sichtbar. Besonders
herausgestochen sind für uns die Gesichter der gezeichneten Menschen mit ihren riesigen,
oft leer wirkenden Augen. Diese Darstellungen haben die Gefühle von Angst, Verzweiflung
und Hoffnungslosigkeit sehr deutlich gemacht.
Krakau
Am vierten Tag besuchten wir Krakau. Während einer ausführlichen Stadtführung lernten wir
die Geschichte der Stadt kennen. Wir besichtigten erneut eine Synagoge und einen
jüdischen Friedhof.
Auf dem Wawelhügel besuchten wir das Königsschloss und hörten die Legende des
Wawel-Drachens. Am Marktplatz erfuhren wir mehr über die politische und kulturelle
Bedeutung Krakaus.
Am Nachmittag erkundeten wir die Stadt eigenständig, besuchten Markthallen und
probierten traditionelle polnische Speisen. An diesem Tag konnte man die Eindrücke der
Vortages etwas verarbeiten.
Erinnerungskultur und Verantwortung – Workshop
Am letzten Tag nahmen wir vor dem Rückflug an einem Workshop teil. Dort reflektierten wir
die vergangenen Tage und diskutierten, warum Gedenken auch in Zukunft wichtig bleibt.
Besonders beschäftigte uns die Frage, wie Erinnerung funktionieren kann, wenn es bald
keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr gibt.
Wir sprachen über neue Formen des Gedenkens, etwa Stolpersteine oder das Konzept der
„Zweitzeugen“, bei dem Menschen die Geschichten von Überlebenden weitertragen. Dabei
wurde deutlich, dass Erinnerung nicht automatisch ist.
Fazit
Die Projektkursfahrt war in vielerlei Hinsicht herausfordernd, aber auch bereichernd. Die
historischen Orte machten das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen auf eine
Weise greifbar, die kein Schulbuch bisher konnte. Gleichzeitig entstand durch das
gemeinsame Erleben ein starkes Gemeinschaftsgefühl.








